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VMware-Preiserhöhungen: Rechtliche Optionen für Bestandskunden

Welche rechtlichen Optionen haben VMware-Kunden bei drastischen Preiserhöhungen durch Broadcom? Analyse von Vertragsrecht, Kartellrecht und praktischen Handlungsmöglichkeiten.

VMware-Preiserhöhungen: Rechtliche Optionen für Bestandskunden

Preiserhöhungen von 300%, 500% oder gar 1'500% – die Berichte von VMware-Kunden nach der Broadcom-Übernahme sind alarmierend. Doch welche rechtlichen Möglichkeiten haben betroffene Unternehmen? Dieser Artikel analysiert die Optionen aus vertragsrechtlicher und kartellrechtlicher Perspektive.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung.

Die rechtliche Ausgangslage

Was Broadcom geändert hat

Änderung Rechtliche Relevanz
Ende der Perpetual-Lizenzen Neue Verträge nötig
Nur noch Subscriptions Laufende Kosten statt Einmalkauf
Minimum 72 Cores Erzwungene Überlizenizierung
Bundle-Zwang (VVF/VCF) Koppelungsverkauf?
Support-Kosten 25-30% Erhöhte Folgekosten

Vertragliche Situation typischer Kunden

Die meisten VMware-Kunden haben:

  1. Perpetual-Lizenz (einmalig gekauft)
  2. Support-Vertrag (jährlich erneuert)
  3. Eventuell: Enterprise Agreement (mehrjährig)

Kritischer Punkt: Die Perpetual-Lizenz bleibt gültig, aber der Support kann nicht mehr erneuert werden → faktischer Zwang zum neuen Modell.

Vertragsrechtliche Optionen

1. Bestehenden Vertrag analysieren

Prüfen Sie:

  • [ ] Genaue Vertragslaufzeit
  • [ ] Kündigungsfristen
  • [ ] Preisanpassungsklauseln
  • [ ] Change-of-Control-Klauseln
  • [ ] Rechtswahlklausel

Typische Klauseln:

  • "Preise können jährlich angepasst werden" – aber um wieviel?
  • "Mit angemessener Vorankündigung" – was ist angemessen?

2. Unzumutbare Preiserhöhung argumentieren

Im Schweizer und deutschen Vertragsrecht gilt:

Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 2 ZGB / § 242 BGB) Vertragsparteien dürfen ihre Rechte nicht rechtsmissbräuchlich ausüben.

Argumentation:

  • Preiserhöhung um 300-1'500% ist objektiv exzessiv
  • Keine vergleichbare Gegenleistung
  • Ausnutzung einer Abhängigkeitssituation
  • Treuwidriges Verhalten

Problem: Schwierig durchzusetzen, erfordert Gerichtsverfahren.

3. Kündigung und Schadensersatz

Falls der Vertrag gekündigt wird (von Broadcom oder durch Sie):

Mögliche Ansprüche:

  • Erstattung ungenutzter Lizenzkosten
  • Migrationskosten als Schadenersatz
  • Entgangener Nutzen

Voraussetzung: Nachweis der Pflichtwidrigkeit durch Broadcom.

4. Ausserordentliche Kündigung

Bei gravierenden Vertragsverletzungen:

Wichtiger Grund zur Kündigung Unzumutbare Änderung der Vertragsbedingungen kann wichtiger Grund sein.

Beispiel: Broadcom stellt Support ein, den Sie vertraglich zugesichert bekommen haben.

Der niederländische Präzedenzfall

Was geschah?

Ein niederländisches Gericht entschied im Juli 2025:

Broadcom muss einen Kunden während der Migration weiterhin unterstützen – trotz Vertragsbeendigung.

Bedeutung

  • Erste gerichtliche Schlappe für Broadcom
  • Signal: Gerichte nehmen Kundeninteressen ernst
  • Präzedenz: Ähnliche Argumentation möglich

Anwendbarkeit in der Schweiz

Niederländische Urteile sind nicht direkt anwendbar, aber:

  • Schweizer Gerichte betrachten internationale Entwicklungen
  • Ähnliche Rechtsprinzipien (guter Glaube)
  • Argumentative Unterstützung

Kartellrechtliche Optionen

Marktbeherrschende Stellung

VMware/Broadcom hat eine marktbeherrschende Stellung:

  • ~70-75% Marktanteil bei Enterprise-Virtualisierung
  • Hohe Wechselkosten für Kunden
  • Technische Lock-in-Effekte

Missbrauchstatbestände

Art. 102 AEUV (EU) / Art. 7 KG (Schweiz):

Tatbestand Relevanz für VMware
Überhöhte Preise Preiserhöhungen ohne Kostenbasis
Unfaire Bedingungen Zwangs-Bundles
Leistungsverweigerung Support-Einstellung
Diskriminierung Unterschiedliche Behandlung von Kunden

Beschwerde einreichen

Bei der EU-Kommission:

  • Online-Formular
  • Sachverhalt dokumentieren
  • Beweise beifügen (Rechnungen, Kommunikation)
  • Marktbeeinträchtigung darlegen

Bei der Schweizer WEKO:

  • Schriftliche Anzeige
  • Keine formalen Anforderungen
  • Anonyme Anzeige möglich

Hinweis: Kartellverfahren sind langwierig (Jahre, nicht Monate).

Die grossen Klagen als Referenz

AT&T vs. Broadcom

AT&T klagt wegen 1'050% Preiserhöhung:

Ansprüche:

  • Vertragsbruch
  • Erzwungene Bundling
  • Kartellrechtsverstoss

Status: Laufend, Vergleichsverhandlungen gemeldet

Tesco vs. Broadcom

Tesco verklagt Broadcom auf GBP 100 Mio.:

Ansprüche:

  • Vertragsbruch
  • Wettbewerbsrechtsverstoss
  • Schadensersatz

Besonderheit: Auch der Reseller (Computacenter) ist verklagt.

UnitedHealthcare vs. Broadcom

UHC und weitere Unternehmen klagen:

Ansprüche: Ähnlich wie AT&T

Bedeutung: Zeigt, dass Grosskonzerne rechtlich vorgehen.

Praktische Handlungsoptionen

Option 1: Verhandeln mit Druckmitteln

Strategie:

  1. Rechtliche Bedenken schriftlich kommunizieren
  2. Konkrete Migrationspläne präsentieren
  3. Auf Präzedenzfälle verweisen
  4. Kompromiss anstreben

Mögliche Ergebnisse:

  • Rabatte (10-30% realistisch)
  • Verlängerte Übergangsfristen
  • Unbundling-Optionen

Option 2: Sammelklage/Verbandsklage

Vorteile:

  • Geteilte Kosten
  • Mehr Druckpotenzial
  • Expertenwissen gebündelt

In der Schweiz:

  • Keine echte Sammelklage möglich
  • Aber: Koordinierte Einzelklagen
  • Verbands-Beschwerde bei WEKO

Option 3: Migration als Ausstieg

Die praktischste Lösung:

  • Parallel rechtliche Schritte prüfen
  • Aber: Nicht auf Recht warten
  • Migration reduziert Abhängigkeit
  • Migrationkosten dokumentieren (für Schadensersatz)

Option 4: Stillhalten und zahlen

Wann sinnvoll:

  • Kritische VMware-Abhängigkeiten
  • Keine Migrationskapazität
  • Preiserhöhung tragbar
  • Langfristige Verhandlung geplant

Checkliste: Rechtliche Vorbereitung

Sofort

  • [ ] Alle VMware-Verträge sammeln
  • [ ] Kommunikation mit Broadcom dokumentieren
  • [ ] Preisänderungen schriftlich festhalten
  • [ ] Interne Kostensteigerung berechnen

Bei konkretem Vorgehen

  • [ ] Rechtsanwalt mit IT-Recht-Expertise konsultieren
  • [ ] Branchenverband kontaktieren
  • [ ] Peers befragen (ähnliche Situation?)
  • [ ] Kosten-Nutzen-Analyse für rechtliche Schritte

Vor Klagen

  • [ ] Realistisch: Gerichtsverfahren dauern Jahre
  • [ ] Kosten: CHF 50'000-500'000+ für komplexe Fälle
  • [ ] Ressourcen: Management-Attention
  • [ ] Reputation: Öffentliche Auseinandersetzung?

Empfehlung für verschiedene Unternehmensgrößen

Grossunternehmen (> 1'000 VMs)

  • Rechtliche Prüfung empfohlen
  • Verhandlungsposition stark
  • Sammelklage-Beteiligung prüfen
  • Parallel migrieren

Mittelstand (100-1'000 VMs)

  • Kosten für Rechtsstreit oft zu hoch
  • Fokus auf Verhandlung
  • Migration meist wirtschaftlicher
  • Bei Verband anschliessen

KMU (< 100 VMs)

  • Einzelklage unwirtschaftlich
  • Migration ist der beste Ausweg
  • Dokumentation für eventuelle spätere Ansprüche
  • Gemeinsame Aktion mit anderen KMU

Fazit

Rechtliche Optionen gegen Broadcom existieren – aber sie sind kein schneller Ausweg:

Realität:

  • Kartellverfahren dauern Jahre
  • Zivilklagen sind teuer und unsicher
  • Grossunternehmen haben bessere Chancen
  • Verhandlung bringt manchmal mehr als Klage

Empfehlung:

  1. Dokumentieren Sie alles – für eventuelle spätere Schritte
  2. Verhandeln Sie hart – nutzen Sie die rechtliche Situation als Argument
  3. Migrieren Sie parallel – das ist der sicherste Ausweg
  4. Verbände unterstützen – kollektives Handeln wirkt

Die beste Strategie kombiniert rechtlichen Druck mit praktischem Handeln. Warten Sie nicht auf Gerichte – reduzieren Sie Ihre Abhängigkeit jetzt.


Sie benötigen Unterstützung bei der Analyse Ihrer rechtlichen Optionen? Host42 bietet:

  • Dokumentation und Analyse Ihrer Situation
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